Wiemsdorf

Foto des Giebels von Wiemsdorfs ältestem Haus, Foto ©RTG

Informationen zu Wiemsdorf

  • 169 Einwohner (Januar 2012)
  • Fast 60% aller Wohnhäuser sind mit Reet gedeckt
  • Denkmalgeschützter Giebel (1638), Inneckensches Haus, Wiemsdorfer Dorfstraße 4
  • Historische Giebelanlage aus dem ehemaligen Eylerschen Fachwerkhaus, Minneörter Str. 4
  • Dorferneuerung fertiggestellt 2008 = Wiemsdorfer Dorfstraße mit rotem Klinkerpflaster, Dorfplatz mit Grill-Pavillon, über eine Treppe wird die Flachwasserzone im angrenzenden Zuggraben erreicht (ehemalige Tränke und Pferde-Waschmöglichkeit war in der Nähe)
  • 44 über 250 Jahre alte denkmalgeschützte Eichen, Wiemsdorfer Dorfstraße 20; 7 Kastanien, Wiemsdorfer Dorfstr. 47; große Rotbuche an der Kaffeestraße und weitere geschützte Bäume
  • Für den Brunnen in der Kaffeestraße wurden 1856 und 1881 Erlaubnis-Urkunden zum Holen von salzfreiem Wasser ausgegeben

 

Nordseezeitung - Serie 'familienfreundlich' vom 13.11.2012

Das Wasser prägt Wiemsdorf

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Von BARBARA FIXY
WIEMSDORF. Wasser spielt in der Geschichte Wiemsdorfs eine große Rolle. So können sich ältere Bewohner noch gut an die schwere Sturmflut 1962 und ihren Einsatz am nahen Weserdeich erinnern. Eine der wichtigen Zutaten für den Kaffee holten sie damals noch aus einer Straße mit demselben Namen: das Trinkwasser. Bei Flut werden die meisten Kinder geboren, wusste Wiemsdorfs Hebamme Berta Ballehr. 

Joost Schmidt-Eylers kann diese Geschichten noch aus dem eigenen Erleben berichten. Als Wiemsdorfer Ortsheimatpfleger hat er sie zusammen mit älteren historischen Daten gesammelt.
    Er war vor mehr als 50 Jahren auch unter den Männern, die in der Sturmnacht 1962 die Löcher im Deich mit Sandsäcken abdichteten. „Die Feuerwehr hat gegen die Kälte Rum ausgeschenkt bekommen“, berichtet er. Diese Sturmnacht war für die Helfer am Deich und die Bewohner dahinter eine gewaltige Mutprobe.
    In der Kaffeestraße, die plattdeutsch Koffistraat hieß, trafen sich die Frauen früher am Brunnen, aus dem sie klares Wasser pumpten. Trinkwasser war in der Marsch, wo Wiemsdorf liegt, etwas Kostbares, da Schwefel im Boden das Grundwasser ungenießbar machte. Für die Nutzung und den Unterhalt des Brunnens wurde im Jahr 1881 sogar ein handschriftlicher Brunnenvertrag geschlossen. Der Brunnen verlor erst im Jahr 1964 seine Bedeutung, als die Wasserleitung aus dem Bramstedter Häsebusch nach Wiemsdorf verlegt wurde.
    Aber zurück zu den Anfängen: Schriftlich erwähnt wird Wiemsdorf erstmals 1110 und dann 1276 unter der Bezeichnung Wiemeresthorp beziehungsweise Wynestorpe. Bezeichnet wurde damit die Ansiedlung an der höchsten Stelle Landwürdens als Ort mit den meisten Wurten. Alle Häuser, die bis etwa 1962 gebaut wurden, lagen so hoch, dass sie bei den Sturmfluten 1717 und 1825 fast wasserfrei blieben. In dem Halbmond, den Wiemsdorf bildet, werden drei Teile unterschieden: Im Süden liegt Minneort (kleine Wurt), in der Mitte Wiemsdorf, im Norden „Up den Höhnken“ (kleine Erhöhung). Obwohl Wiemsdorf östlich der Weser liegt, gehörte der Ort mehr als 750 Jahre lang zu Oldenburg auf der anderen Seite des Flusses. Erst mit der Gebiets- und Verwaltungsreform 1974 erfolgte die Trennung. Die Kirchengemeinde Dedesdorf gehört noch heute zur Oldenburgischen Landeskirche jenseits des Flusses.

Ein Badeteich für Pferde

Dass Wasser auch zum Waschen da ist, wussten die Wiemsdorfer natürlich ebenfalls. So bauten sie eine Spölje. Das war ein gepflasterter Teich, in dem sie Pferde und Holztröge reinigten. War der Teich im Winter zugefroren, rodelten die Kinder mit dem Schlitten vom Hang auf die Wasserfläche. Die Spölje gab es bis 1980. Jetzt steht hier das Feuerwehrhaus. Einen Löschteich wie anderswo gab es in Wiemsdorf nicht. Stattdessen hatte die Feuerwehr mehrere Entnahmestellen in dem Graben, an dem die Ortschaft liegt.
    Dennoch konnte die Feuersbrunst 1808 nicht verhindert werden, bei der fast das ganze Dorf abbrannte. Ausgehend von einer Sägerei und Schmiede im Minneort breitete sich das Feuer bis zum Höhnken durch umherfliegende Schinken aus. Die hatten im brennenden Haus im Rauch gehangen und sollen durch die Hitze und den Druck der beim Verbrennen von Fett entsteht, hinausgeschleudert worden sein.
    Die wenigsten werden wohl wissen, dass die Drepte früher bei Wiemsdorf in die Weser mündete. Heute ist sie kanalisiert und führt viel weiter südlich bei Rechtenfleth in den Fluss. Dieser Umstand hat ebenso mit dem Wasser zu tun wie das Wissen der Hebamme Berta Ballehr, die öfter bei Flut von Wiemsdorf aus zu den Hausgeburten in den Dörfern der Umgebung radeln musste.

Chronik

Wiemsdorf wird unter der Bezeichnung Wiemeresthorp erstmals 1110 schriftlich erwähnt. Bis 1980 gab es im Ort die Spölje, eine Art Badeanstalt für Pferde. Die Hebamme Berta Ballehr musste am häufigsten bei Flut zu den Hausgeburten in der Umgebung radeln.